Die wilde Atalante
Kennt Ihr die beiden steinernen Löwen am
Eingang des Grundstückes auf dem Penningsfelder Weg? Weiß bis
gräulich sind sie, vielleicht wegen der Abgase der vielen Autos,
die mit mehr als doppelter Geschwindigkeit über die
Tempo-30-Straße rasen, um von der Autobahn aus auf Schleichwegen
den Stadtteil Refrath zügig zu umfahren.
Wißt Ihr auch, was es für eine mythologische Bewandtnis hat mit
den versteinerten Löwen, einem Weibchen und einem Männchen, als
Wächter über die Einkehrenden für die Ewigkeit? Ursprünglich
standen sie einer alten Überlieferung nach vor dem heiligen Hain
des Gottvaters Zeus, dem mächtigen Herrscher über die Götter
der griechischen Welt, weil sie sich schwer gegen ihn versündigt
hatten. Atalante hieß die Frau; es gab ihrer in den griechischen
Sagen gleich zwei, eine arkadische Jägerin und eine böotische
Heroine - vielleicht waren sie ursprünglich sogar nur eine
Person, weil sie beide an der Jagd nach dem Kalydonischen Eber
teilnahmen. Aber wir wollen die Sache nicht komplizieren und
sprechen lieber von der einen Atalante, der Heroine, die den Eber
nicht mit Meleager erlegte und dadurch auch kein Unheil über ihn
heraufbeschwor. Dafür trat sie im Wettlauf gegen ihre Freier an
mit dem Versprechen, diese nach ihrem Sieg töten zu können; wer
doch gegen sie gewänne, dürfe sie als Braut mit nach Hause
führen. Schließlich lief sie mit Melanion um die Wette, und Ihr
könnt es Euch schon denken, daß sie dieses eine Mal verlor und
Melanion frohlockte, sie endlich zu seiner auserwählten Frau zu
machen...
Unser Held hatte diese Schöne erst vor einigen Tagen erblickt,
als er mit einem einheimischen Freund einen wilden Eber jagte.
Plötzlich stand er mitten auf einer Lichtung im Wald allein und
verharrte an seinem Standort wie vom Schlag gerührt. Sie
lächelte ihm schelmisch zu, und er vergaß sofort die Jagd und
das Wild im Angesicht dieser stolzen Frau, angetan mit einem
kurzen Wildlederkleid, das an der rechten Schulterseite
zusammengeknotet war. Sie trug eine Lanze und einen langen Bogen,
die spitzen Pfeile im Köcher auf dem Rücken, ihre blonden Haare
hatte sie hinten zu einem Dutt hochgesteckt. Ihren Hals und ihren
linken Oberarm bedeckten jeweils zwei silberne Reifen, und ihre
Sandalen waren bis über die braungebrannten Waden
hochgeschnürt. Melanion hatte sofort das Gefühl, der Göttin
Artemis oder irgendeinem anderen überirdischen Wesen begegnet zu
sein, und nur sein Stolz hinderte ihn daran, einfach vor dieser
groß gewachsenen Frau auf die Knie zu fallen. Statt dessen
fragte er sie mit höflicher Stimme, ob sie den von ihm gejagten
Eber vielleicht gesehen hätte.
"Da hinten liegt er", antwortete die Heroine wieder
lächelnd, "von einem meiner giftigen Pfeile zu Boden
gestreckt."
Nun packte Melanion doch die Wut, Göttin oder nicht; das war
schließlich sein Jagdziel gewesen, das ihm die Schöne laut
ihren eigenen Worten einfach entrissen hatte. Aber er beherrschte
sich doch mühsam, bis sein Freund zu ihnen stieß und damit die
vor Spannung knisternde Zweisamkeit zerstörte.
"Was ist passiert?" fragte der Freund atemlos, und
Melanion antwortete kühl: "Diese Jägerin hat unseren Eber
erlegt."
Die bewehrte Frau trat daraufhin schnell einen Schritt vor und
sagte laut: "Atalante heiße ich, und mir gehört dieser
Wald!"
Nach diesen Worten drehte sie sich um und verschwand
leichtfüßig und fast geräuschlos im Unterholz.
Kurze Zeit später erfuhr Melanion von seinem
Jagdgenossen, daß Atalante dieses böse Spiel mit ihren Freiern
spielte, weil ihr Vater, König Iasos, sie gegen ihren Willen
unbedingt verheiraten wollte. Dabei gab sie jedem ihrer Gegner
mindestens ein halbes Stadion Vorsprung und folgte ihm in voller
Rüstung. Doch noch nie hatte einer der Männer auch nur den
Hauch einer Chance gegen sie gehabt, und man sagte wohl zu Recht,
sie sei die schnellste Läuferin der alten Welt. Jedoch Melanion
wußte sofort nach diesem Bericht, zwischen ihnen beiden mußte
geklärt werden, wer hier der Gejagte sei und wer der Jäger, und
wenn es seinen Kopf kosten sollte. Der besorgte Freund drang in
ihn, lieber seine Finger von dieser aussichtslosen Angelegenheit
zu lassen und sofort in seine ferne Heimat zurückzukehren, aber
es war schon zu spät - Melanion war zu allem entschlossen. Er
schickte den Freund schnell zu ihrem Vater mit der Botschaft,
einen Ort und einen Termin zu vereinbaren, er habe vor, diesen
nach dem Wettlauf Schwiegervater zu nennen. Eine Stunde später
kam der Freund aus dem Palast des Iasos zurück und vermeldete:
am nächsten Morgen kurz nach Sonnenaufgang, den gleichen Weg wie
immer, fünf Stadien lang über freies Feld und durch den
bekannten Wald, den Atalante gegenüber den beiden Männern als
ihr Eigentum beansprucht hatte. Melanion packte seinen Freund am
Arm, dankbar für den ihm erwiesenen Dienst, und bat ihn, jetzt
auch noch mit ihm die bezeichnete Strecke abzuwandern...
Am folgenden Tag säumte schon eine Menge neugieriger Menschen
den Weg, als Eos, die rosenfingrige Morgenröte, endlich ihr
angestammtes Heim verließ. Die schöne Atalante stand mit ihrem
alten Vater am Start, sie war in voller Rüstung und winkte dem
herannahenden Melanion aufgeregt zu. Dieser dachte böse für
sich, daß sie mittlerweile wohl genug Gegner zur Strecke
gebracht hätte, und kniete sich wortlos in den Sand. Atalante
kniete sich rasch neben ihn und sagte leise: "Du wirst jetzt
um dein armseliges Leben laufen, Fremder!"
Er antwortete gelassen: "Und du wirst deine Freiheit
verlieren,
Atalante."
"Niemals!"
"Wirst du dich mir ergeben, wenn ich den Wettlauf
gewinne?"
Atalante nickte, und für kurze Zeit wich alle Farbe aus ihrem
schönen Gesicht.
Das Startzeichen erfolgte durch König Iasos,
der über seinem Kopf laut in die Hände klatschte, und Melanion
rannte los. Erst als er ein halbes Stadion weit entfernt war,
sprintete auch Atalante vorwärts, und der Abstand zwischen den
beiden Kontrahenten verringerte sich erwartungsgemäß sehr
schnell. Das ging so fort, bis Melanion den schützenden Wald
erreichte, wo er von den neugierigen Zuschauern nicht mehr
gesehen wurde und seinen vorher zurechtgelegten Plan endlich
ausführen konnte. Er lief schnaufend auf die Lichtung, auf der
er die wilde Atalante zum ersten Mal gesehen hatte, und blieb
plötzlich stehen. Als seine leichtfüßige Verfolgerin nahe
genug herangekommen war, warf er einen der goldenen Äpfel, den
die Göttin Aphrodite ihm einst zum Geschenk gemacht hatte, weit
hinter sich und rief: "Trau dich nur, diesen kostbaren Apfel
der Liebesgöttin aufzuheben, Atalante! Du scheinst mir so
schnell, daß du mich nachher immer noch mühelos überholen
kannst."
Die schöne Läuferin tat, wie ihr geheißen, und stürmte
zurück zu der Stelle, wo der goldene Apfel unversehrt im Grase
lag. Sie hob ihn staunend auf, steckte ihn schnell in ihren
umgehängten Jagdbeutel und lief dann wieder zu dem wartenden
Melanion zurück. Dieser hatte schon den nächsten Apfel
ergriffen und warf ihn in hohem Bogen fort - Atalante, in ihrer
großen Gier einmal von ihm ertappt, konnte es nicht über sich
bringen, der neuen Versuchung zu widerstehen. Sie holte sich auch
diesen goldenen Apfel, der wie der erste neben seiner
bestechenden Schönheit ebenfalls einen betörenden Duft
ausströmte. Auch noch den dritten Apfel schleuderte Melanion,
danach sprang er hurtig und ohne Vorwarnung davon. Atalante, von
ihren Waffen und den schweren Äpfeln behindert, von ihrem Duft
zusätzlich schwindelig gemacht, bemerkte dies erst, als sie das
letzte Kleinod aufgesammelt hatte. Sie stieß einen Schrei aus
wie ein verwundetes Tier, dann stürzte sie mit aller ihr noch
verbliebenen Kraft ihrem Gegner hinterher. Melanion jedoch
verließ schon mit großen Schritten den Wald und bog in die von
Zuschauern belagerte Zielgerade ein. Trotzdem holte Atalante
hinter ihm noch einmal kräftig auf, und Melanion sehnte bangend
das Ende des Wettlaufs herbei. Drei Schrittlängen vor ihr
erreichte er das gekennzeichnete Ziel und wurde von seinem Freund
und den Umherstehenden laut als Sieger bejubelt und beklatscht.
Atalante brach sofort hinter der Zielmarkierung zusammen.
Melanion ging rasch zu ihr, nahm ihr die beengende Rüstung ab,
dann zog er sie zu sich hoch. Heftig atmend lag sie in seinen
Armen.
Wie versprochen willigten Iasos und Atalante in
die Hochzeit ein, die drei Wochen später in Melanions Elternhaus
vollzogen wurde. Atalante brachte dreißig Dienerinnen mit zu
ihrer Vermählung und übergab Melanion feierlich ihre
Besitztümer, darunter auch den Wald ihres hochfahrenden
Auftretens ihm gegenüber und ihrer danach erfolgten Schmach.
Iasos, froh, seine schöne Tochter endlich an den richtigen Mann
gebracht zu haben, gab noch eine große Summe Geldes dazu als
Mitgift und verabschiedete sich herzlich am dritten Tag der
ausgelassenen Feier. Ebenso Melanions Freund und die anderen
Leute aus des Iasos Gefolge, Melanions Verwandten brachten das
junge Paar noch abends bis zu seinem Haus. Als sie endlich allein
waren, trug er sie in das hergerichtete Brautgemach, und sie
entledigte sich ihres Hochzeitkleides. Bald darauf lagen sie
friedlich beieinander, und jetzt gab es keinen Jäger mehr und
keine Gejagte, nur zwei Erschöpfte ruhten sich aus von der
Liebe. Atalante küßte dankbar ihren Gatten; er hatte ihr die
Unschuld nicht entrissen, freiwillig hatte sie ihm diese und noch
einiges mehr gegeben.
In der Folgezeit fand sie sehr großen Gefallen an der
Vereinigung ihrer Körper und gerade auch an den verboteneren
Spielen: sie verführte Melanion, der seiner schönen Gattin dies
nur selten abschlagen konnte, an den belebtesten und
ungewöhnlichsten Orten. Einmal rasch im Stehen hinter einer
Säule, einmal in einem Gasthaus unter dem Tisch, je geheimer und
ausgefallener, desto besser. Melanion hatte bald das Gefühl,
daß sie gerade diese Angst brauchte, eventuell entdeckt zu
werden, um richtig auf Touren zu kommen - doch da strafte ihn
wiederum ihr Ehebett zu Hause Lügen, denn auch dort kämfte die
Heroine gerne und lange mit ihm um ihre Lust. Und Melanion zeigte
sich diesen Kämpfen meistens auch gewachsen; es machte ihm viel
Spaß, seine herrliche Frau zu befriedigen, und so verlebten sie
eine aufgeregte und glückliche Zeit miteinander.
Einmal jedoch trieben sie es sogar in dem
heiligen Hain des Zeus, in dem es strengstens verboten war, so
ganz andere Dinge als Gebete und Opfer zu verrichten. Sie ließ
hinter einem Busch ihre Kleider fallen und machte sich an seinem
Gewand zu schaffen; Melanion hatte seine Befürchtungen
heruntergeschluckt und war zu ihr auf den bemoosten Boden
gesunken. Sie hatte sein Glied an die richtige Stelle geführt
und sich an ihn gepreßt, er hatte ihre warmen Brüste gefühlt
und sie fest in seinen Armen gehalten, als sie schließlich den
Schrei der Erleichterung ausstieß. Dann war sie von ihm fort
gerollt und hatte ihren blonden Schopf in seine Armbeuge
gebettet. Plötzlich rief Atalante leise: "Melanion!"
"Was ist, Liebling?"
"Ich verändere mich. Ich bekomme am ganzen Körper dichtere
Haare!"
"Ich auch! Und mir wächst hinten ein langer Schwanz, meine
Füße werden zu riesigen Pranken!"
Er setzte sich verwundert auf. Doch da hörte er schon ein
dunkles Knurren neben sich, Atalante hatte sich vollkommen in
eine stolze Löwin verwandelt. Sie sah ihn aus großen Augen an,
auch er war ein massiger Löwe mit goldgelber Mähne geworden.
Sie steckten erstaunt die Köpfe zusammen und gaben sich ein
Zeichen, dann sprangen sie plötzlich gemeinsam auf den Eingang
des göttlichen Haines zu - und da stand Zeus! Sie verharrten
mitten im Schritt und duckten sich zu beiden Seiten des
Eingangstors auf den Boden nieder, die Blicke starr auf den
großen Gott gerichtet, der jetzt mit Donnerstimme zu ihnen
sprach: "Beschützen sollt ihr in Zukunft diesen Hain, in
dem ihr so offen gegen mich gefrevelt habt! Laßt nur diejenigen
hindurch, die es verdienen, die anderen aber erfüllt mit Furcht
vor eurer Kraft und Wildheit! Denn stark seid ihr, Atalante und
Melanion, schon als Menschen gewesen, wieviel mehr noch seid ihr
es als die Raubtiere eures göttlichen Herrn."
Und so standen sie da, nach seiner Ansprache sofort zu leblosem
Stein erstarrt, und überdauerten die Jahre. Und ihre Aufgabe als
Wächter über Heim und Hof überdauerte die Griechen und ihre
Götter, überdauerte die Römer und Germanen, eben von anno
dazumal bis heute. Ihre Körper vermitteln den Eindruck von
gebändigter Kraft, ihre Gesichter jedoch spiegeln Trauer über
die nicht mehr erfüllbare Liebe.